
Biomüll, Aligatoren und der nette Mann vom ADAC
Die Zentralverriegelung ist kaputt. Sobald man in meinem Bulli Platz nimmt und eine der Türen ins Schloss fallen lässt, verriegelt sich das Gefährt von selbst. Störend und unbequem. Auch der Motor will heute nicht so recht anspringen. Minus drei Grad sind zu kalt. Das Teil rödelt und rödelt. Die Batterie droht zu kreppieren. Schließlich klappt es doch. Es ist acht Uhr. Um wach zu werden drehe ich die Anlage voll auf. Yeah Death-Metal. Bei der Lautstärke fangen die Scheiben an zu vibrieren. Das erste Grinsen des Tages huscht über meine Züge.
Rückwärtsgang rein und rumms. Ich habe die Mülltonne meiner Nachbarn umgemangelt. Au Mann! Einen kalten Motor soll man nicht gleich wieder ausmachen. Also springe ich auf die Straße und lasse den Wagen laufen. Verdammte Kacke. Überall liegt vergammelter Biomüll. Es stinkt zum kotzen. Ich fische die Eierschalen, Teebeutel und Bratenreste zusammen und bekleckere dabei meine Hose. Ich bin sofort auf 180.
Immerhin sind weder Wagen noch Tonne beschädigt. Glück gehabt. Doch der Blick auf die zugefallene Fahrertür verheißt jedoch nichts Gutes. Das Auto ist jetzt „zentral verriegelt“. Der Motor läuft, das Licht brennt und zu der Musik könnte man auf der Straße tanzen, so laut ist sie. Außerdem steht der zurückgesetzte Wagen jetzt vor der Ausfahrt der Parkgarage eines Mehrfamilienhauses. Panisch überlege ich: Handy, Haustürschlüssel, Potemonaie – alles in dem verschlossenen Ungetüm. Sogar meine Jacke liegt auf der Rückbank. Mir ist jetzt schon kalt. Aktionismus packt mich. Wo ist der Stein mit dem ich die Scheibe einschlagen kann. Oder doch den ADAC anrufen? Ach ja. Kein Handy und kein Haustürschlüssel. Die Nachbarn will ich nicht um einen Telefon-Gefallen bitten. Nicht früh morgens und sowieso überhaupt nicht. Anschließend würden die mir wochenlang Gespräche über unser wahnsinnig aufregendes Telefon-Erlebnis aufzwingen. Dann schon lieber Scheibe-Einschlagen. Brauch ich keinen Stein für. Geht auch mit dem Ellenbogen. Ich habe schon ausgeholt, als ich einen flüchtigen Bekannten aus seinem Haus auf der anderen Straßenseite kommen sehe. Der ist höchstens halb so schlimm wie meine Nachbarn und die Gefahr ihn demnächst wiederzutreffen ist relativ gering. Er lässt mich telefonieren. Ich bin dankbar, denke aber, dass ich sein Haus lieber nie von innen gesehen hätte. Ausgestopfte Aligatoren, Pistolen und Messer an den Wänden. Ein Irrer. Das Telefon hat noch eine Wählscheibe. Die ADAC-Frau verspricht sofort jemanden zu schicken. „Sofort“ innerhalb der nächsten 60 Minuten.
Es ist echt zu kalt für einen Pulli. Ich stehe vor meinem wummernden Death-Metal-Auto und friere. Seit dem Anruf sind vier Minuten vergangen und meine Nase beginnt bereits zu laufen. Die ersten Hausbewohner hängen schon an ihren Fenstern und staunen. Sowas exotisches haben sie lange nicht mehr gesehen. Die generelle Borniertheit der Menschen erstaunt mich immer wieder. Eine Passantin wirft mir vorwurfsvolle Blicke zu und bemerkt spitz: „Können sie den Motor nicht ausmachen, wenn sie hier nur herumstehen?“ „Ich steh hier rum, weil ich den Motor nicht ausgemacht habe. Du dämlich Kuh.“ Schnell huscht sie weiter. Der zornige Auto-Mann macht ihr Angst. Gut so.
Die ersten Nachbarn wollen zur Arbeit fahren. Als sie von meinem rödelnden Bus aufgehalten werden, droht die Situation zu eskalieren. Zum Glück kommt da auch schon der nette Herr vom ADAC. Augenscheinlich bin ich nicht der erste Idiot, der das Kunststück mit der Zentralverriegelung vollbracht hat. Er lächelt, öffnet die Tür einen Spalt weit mit einem Keil und fummelt den Knopf mit einem Draht hoch. „Da haben sie noch mal Glück gehabt!“. Finden ich und meine Nachbarn auch. Ich sollte die Türschlösser doch mal reparieren lassen.