Der Große Boskoop

Rote Wangen zieren seinen kugelrunden Körper. Er ist schwer. Ein echter Brocken, zumindest für einen Apfel. In der Obstabteilung war er dir sofort ins Auge gefallen – der Große Boskoop. Den gibts morgen zum Frühstück hattest du gedacht und ihn kurzerhand mit nach Hause genommen. Eigentlich hättest du da schon den unbändigen Hass spüren müssen, der von dieser besessenen Frucht ausging. Doch du hattest deine Augen und Ohren woanders und bemerktest nicht, welch gefährlichen Widersacher du dir in deine Küche holtest.

Schweißgebadet liegst du nach Mitternacht in deinem Bett. Verstörende Träume haben dich wachgerüttelt. Dagegen helfen nur ein Glas Wasser und ein kleiner Snack. Schon auf dem Weg zur Küche vernimmst du ein leise Gekicher und Gemurmel. Wie in deinen Fieberträumen, denkst du. Dich fröstelt. Der Geräuschpegel nimmt zu. Unter der Küchentür dringt Licht hervor. Es besteht kein Zweifel mehr: Da ertönen Stimmen aus deiner Küche. Das Licht scheint von flackernden Kerzen zu stammen. Kalter Schweiß bildet sich auf deiner Stirn. Panik brandet in dir auf. Doch deine Neugierde ist größer als deine Vorsicht und Furcht. Langsam drückst du die Klinke herunter wirfst einen verstohlenen Blick ins Innere.

Entsetzlich. Deine gesamten Obst- und Gemüsevorräte sind lebendig geworden. Gurken und Karotten tanzen einen sinistren Reigen. Tomaten und Birnen kullern um die Wette. Kohlrabis, Kiwis und Kartoffeln hüpfen und zucken spastisch – wie in Trance. Sogar der tiefgefrorene Spinat hat sich aus seinem kalten Grab erhoben und hinterlässt grüne Schleimspuren auf den Bodendielen, während er sich seinen Weg ins Zentrum der Szenerie bahnt. Dort thront er auf einem umgeworfenen Küchesieb: Der Große Boskoop. Breit und Fett, die Züge von einem diabolischen Grinsen umspielt.

In der Nacht ist er der Gebieter allen Gemüses, Herr allen Obstes. Und er kennt nur ein Ziel: Seinen größten Fressfeind ausschalten – dich. Dich und alle anderen Menschen.

Jetzt geht alles ganz schnell. Möhren werfen sich auf sein Geheiß vor deine Füße, bringen dich - unterstützt von einer Armee Erbsen - rollend und kullernd zu Fall. Kartoffeln platzieren sich wie von Geisterhand bewegt so auf dem Fußboden, dass sie sich beim Aufschlag schmerzhaft in deinen Rücken bohren. Sofort sind Bananen zur Stelle. Sie dringen in deine Ohren, durchstechen deine Trommelfelle. Der Schmerz ist unerträglich. Zeitgleich begehen Zitronen Selbstmord. Sie werfen sich, Lemmingen gleich, nacheinander gegen das Große Fleischmesser, zerteilen sich selbst, springen dir ins Gesicht und verätzen deine Augen mit ihrem Saft. Du willst schreien, doch eine Gurke zwingt sich in Deep-Throat-Manier in deine Luftröhre. Dieser Schmerz. Du bekommst keine Luft mehr, denn auch in deinen Nasenlöchern haben sich arglistige Bohnen breit gemacht.

Der Große Boskoop lacht in Ekstase. Und du weißt, du hast nur eine Chance. Du bäumst dich auf. Deine Finger erreichen eine Schublade. Du zerrst sie heraus. Küchengeräte verteilen sich überall auf den Fußboden. Und du hast Glück. Mit letzter Kraft grabschen deine Finger das passende Utensil. Der Große Boskoop ahnt deine Absicht. Seine Verwünschungen werden heißer. Weiteres Obst und Gemüse bereitet sich auf eine letzte Attacke vor. Doch den Apfelteiler in der Hand schnellst du von Todesangst getrieben nach vorne. Du Triffst den Großen Boskoop genau in seiner Körpermitte. Die Klingen gleiten durch seinen Leib. Er zerfällt in acht gleichgroße Teile. Nur das Kerngehäuse bleibt in der Mitte des Teilers stehen. Du hast das Gefühl, dass du aus toten Augen angegrinst wirst. Doch der Spuk ist vorbei. Aus deinen geplagten Körperöffnungen fallen Obst und Gemüse unbelebt auf den Fußboden. Auch der Rest des grünen Heeres hat seinen Kampfeswillen verloren und liegt untot und matschig überall in der Küche herum. Mit dem Ende des Großen Boskoop sind die Dämonen aus ihrem Fruchtfleisch gewichen. Morgen gibt es Obstsalt und Eintopf. Sonst wird das alles schlecht.

 

back