
Farbverdünner
Komisch, dass hier heute fast niemand sonst parkt, denke ich und stelle meinen Wagen direkt vor einer Laterne ab. Einen Parkschein löse ich nicht. Mache ich nie. Der Hinweis ‚max. 2 Stunden' muss neu sein. Bei meiner Rückkehr - später, sehr viel später – ist das Bild ein gänzlich anderes. Alle Buchten sind belegt. Alle… nicht ganz. Die vor der Laterne ist als einzige leer. Hier hatte ich doch geparkt, oder? Heiß schießt mir der Schreck ins Rückgrat. Das ist fast so schlimm, wie das Gefühl,seinen Schlüssel verloren zu haben. „Nein, nein, nein. Scheiße, die Schweine haben meinen Bus geklaut. Scheiße, Scheiße, Scheiße.“
110. „Sie müssen sofort kommen. Schnell, mein Wagen wurde gestohlen. Man, mein Auto ist weg“ Schweigen am anderen Ende. „Beruhigen sie sich erstmal. Wo haben sie denn geparkt?“ Ich weiß worauf der Polizist hinaus will und schau mir die anderen Autos an. Einige von ihnen haben weiße Zettelchen hinter den Scheibenwischern. Oh, du Idiot, denke ich und frage den Beamten: „Können die einen Transporter überhaupt abschleppen?“. Der Polizist stöhnt gelangweilt und gibt mir die Nummer von denen „die das für uns erledigen.“ Schnell stellt sich heraus: „Die“ können. Und haben es in diesem Fall auch getan. Ich koche vor Wut. Der Fußweg zum Abschleppdienst ist lang, verregnet und kalt. Scheiß November.
Das Abschlepp-Gelände wirkt wie ein Grenzposten in Afghanistan: meterhohe Mauer, Nato-Draht, Kontrollhäuschen und Schranke. Sogar ein Polizeiwagen ist hinter dem Hauptgebäude geparkt. Sicher zur Abschreckung. Fehlen nur noch Wachmänner, Maschinenpistolen und Schäferhunde, denke ich amüsiert und bin schon wieder etwas mit der Situation versöhnt. Kurz überlege ich, einfach mit dem Bus wegzufahren. Könnte man eigentlich ausprobieren. Aber die haben ja mein Kennzeichen.
Im Innern fertigen zwei Männer die Abgeschleppten ab. Ein etwa 40-jähriger Mann, der Kleidung nach ein Maler, ist furchtbar aufgeregt „Was Papiere? Man ich könnte echt kotzen. Schikane ist das.“ Die Wut prallt einfach von dem Abfertiger ab. „Hören sie, wir brauche ihre Papiere, damit wir sie aus dem Computer nehmen können“. „Ich hau hier gleich alles kaputt. Papiere, Papiere. Ihr habt doch den Schlüssel. Holt sie euch doch selbst, ihr verdammten Arschgeigen.“ Sein Kopf glüht förmlich und die Pickel in seinem Gesicht und Nacken drohen zu bersten. Der Abfertiger ist immer noch ruhig. „Jetzt regen sie sich erstmal ab. Wie kommen sie auf die Idee, dass wir ihre Schlüssel haben? Sie wurden abgeschleppt.“ Schweigen. Man kann die Zahnräder im Kopf des Malers förmlich knirschen hören. „Äh... ach ja“. Er rauscht nach draußen.
Zeit für einen Witz, denke ich: „Aber meinen Schlüssel haben sie doch sicherlich.“ Der Abfertiger, nicht mehr ganz so ruhig und mit „Gott steh mir bei“-Blick: „Warum sollten wir ausgerechnet ihren Schlüssel haben?“ Ich, vorsichtiger geworden: „Sollte ein Scherz sein“. Jetzt sind die Zahnräder des Abfertigers gefordert. Nach einer gefühlten und geschwiegenen Ewigkeit knurrt er: „Ach so... haha“. Dann kommt sein fetter Kollege: „Den Spaßvogel übernehme ich. Papiere, Führerschein!“
Der Maler stürmt wieder durch die Tür„Ich hab so einen Hals. Ich könnt diese Bretterbude abfackeln“ Er steigert sich noch „180 Euro für den Scheiß. Das ist reine Abzocke. Ich hab den ganze Tag umsonst gearbeitet. Wissen sie überhaupt, was das für mich bedeutet.“ Der Abfertiger unbeeindruckt „Zahlen sie bar oder mit Karte?“ „Ich fackel hier alles ab!“ Gleich platzt der rote Kopf mit all den Pickeln wirklich, denke ich. Abfertiger: „Hören sie, wir sind doch nur das ausführende Organ. Wir können doch nichts dafür, dass sie falsch geparkt haben.“ „Was Organ? Ich mach euch fertig.“ Macht er nicht, bezahlt die 180 Euro und verschwindet.
„Passiert ihnen sowas öfter?“, frage ich höflich. „Ständig“ antworten die Abfertiger monoton. „Die regen sich alle wieder ab.“ „Ach so“, sage ich und denke „Was für ein Scheißjob“. Ich zahle mit Karte.
Draußen sehe ich, dass der Maler noch immer nicht weggefahren ist. Er fuhrwerkt aufgeregt auf der Ladefläche seines Transporters herum. Ich rufe ihm im Vorbeigehen ein aufmunterndes „sone Kacke“ zu und bekomme ein Grunzen als Antwort. Während ich mit dem Wagen vom Hof fahre, sehe ich im Rückspiegel, wie der Maler das Polizeiauto mit einem Eimer Farbverdünner überschüttet und anzündet. Ich und setze den rechten Blinker und biege ab.