
Gelber Goldzahn
Ekel fängt bei mir erst ganz spät an. Das weiß ich ziemlich genau, seit ich kürzlich in den Genuss eines Thai-Gerichtes kam. Nach einem 12-stündigen Arbeitstag hatte ich keine Lust mehr zu kochen und bestelle beim Asia Snack Point an der Ecke „Tofu mit rotem Curry“. Ich bin schon total unterzuckert. Durch die Tür meiner Wohnung gestrauchelt, schaffte ich es gerade noch bis aufs Sofa. Nach dem Aufreißen der Fast-Food-Verpackung schlägt mich der Duft von Kokusmilch und frischem Zitronengraß in seinen Bann. Noch etwas zusätzliche Soja-Sauce – lecker.
Nachdem ich den Reis unter das Essen gemischt habe beginne ich das Essen förmlich einzuatmen. Etwa auf halber Strecke beisse ich auf einen größeren Stein. Denke ich zumindest. Ich prokle den ungenießbaren Fremdkörper zwischen Zähnen, Zunge und Essensresten hervor und: Kotz! Das ist kein Stein. Das ist ein Goldzahn.
In Lichtgeschwindigkeit rasen meine Gedanken durch die Synapsen meiner grauen Masse. Der stammt eindeutig von dem Koch. Würg. Aber andererseits: Wenn ich mich jetzt in meinen Ekel reinsteigere, kann ich den Rest auf keinen Fall mehr essen. Das lässt mein mörderischer Hungers auf keinen Fall zu. Da musst du jetzt durch, denke ich und lege den Zahn zur Seite. Den bekommt der Küchenpfuscher auf keinen Fall zurück. Der wird verkauft. Der soll mir dieses dental-angehauchte Mahl zumindest vergolden.
Munter spachtele ich weiter. Zugegebenermaßen mit Genuss. Erst nach der dritten Gabel merke ich, dass irgendwas mit meinem Backenzahn nicht stimmt. Hmm... Meine Zunge erklärt: Da ist nur noch ein Loch. Langsam dämmert es mir: Der Goldzahn stammt von mir. Kein Grund für Ekel. Doch die Erkenntnis bleibt, ich würde auch Zähne von wildfremden Thailändern essen, wenn ich nur hungrig genug bin. Hoffentlich werde ich eines Tages nicht auf diese Weise getestet, wenn es beispielsweise um Hundescheiße im Salat oder vollgekotzte Nudeln geht. Ich habe manchmal Angst vor mir selber.