Deine Hölle sind immer die Anderen

Alles fängt damit an, dass du mal eben zwei Zwiebeln und eine Kartoffel aus dem Gemüseladen am Ende der Strasse holen willst. Ein fataler Fehler wie sich schnell herausstellt. Eigentlich stehen nur zwei weitere Personen in dem ökologisch angehauchten Verschlag, der sich Bioladen nennt. Man sollte also annehmen, dass die Angelegenheit mit dem Grünzeug schnell erledigt ist. Wer das glaubt, ist entweder naiv wie ein Pfadfinder oder ein Fall für den Nervenarzt. Auch dem wenig Geübten verrät bereits ein erster Blick auf die beiden Kunden-Darsteller, dass dies eine langwierige Geschichte wird. Frau und Mann sind Mitglieder zweier sektenähnlicher Vereine, deren vornehmliches Ziel es ist, allen anderen "Konsumfreudigen" unendliche Geduldsprüfungen aufzuerlegen, neben denen selbst die chinesische Wasserfolter wie ein Wellnessurlaub anmutet. Du weißt, jetzt ist Geduld gefragt, jetzt heißt es die Zähne zusammenbeißen und in stoischer Ruhe verharren.

Schon beginnt der männliche Tolleranztester Marke "Öko-Einkaufsfan" sein sinistres Psycho-Spiel. Die wasserdichte Ortlieb-Fahrradtasche vom Liegerad mit dem Schlauberger-Rückspiegel geschnallt, stürmt er die Bio-Hölle mit einem zusätzlichen Ersatz-Jutebeutel. Richtig martialisch wirkt sein Auftreten erst durch die Pädagogen-Polarexpedition Allwetterjacke von Jack Wolfskin, Kotzfarbenkombination Türkis/Lila und die Schirmmütze mit Ohrenwärmern. Im Gegensatz zu vielen anderen Einkaufsfanatikern, scheint das 68er-Fossil genau zu wissen, was es will. Zumindest hat es alles auf einer Liste stehen, die es abwechselnd mit der Satteltasche durch den Laden schwenkt. Schon erfolgt der erste Wirkungstreffer. Jeder einzelne Artikel ist für den ehemaligen Kommunen-Gruftie Chance und Herausforderung zugleich. Jede Banane, Gurke oder Birne gibt ihm Anlass zu fragen. Ist das kontrolliert biologischer Anbau? Ist das mit Gentechnik? Ist das Giftig? Können Allergiker davon Asthma bekommen? Eigentlich sieht er doch ganz schlau aus, mindestens Magister in Soziologie oder Politologie. Warum in Gottes Namen weiß er so erschreckend wenig und schlimmer noch, warum will er jetzt alles auf einmal wissen?

Bleiben wir objektiv. Es sind ja durchaus berechtigte Fragen dabei, doch in ihrer Gesamtheit sind sie lediglich Teile eines perfiden Ganzen. Teile eines Systems zur rigorosen Zermürbung der Mitmenschen. Dein Herz beginnt schneller zu schlagen und du bemerkst, wie sich erste Schweißtropfen auf deiner Stirn bilden. Doch anstatt dir einmal eine eigene Meinung zuzutrauen und dem Wahnsinnigen "Man ich muss nach dem dämlichen Kochen noch arbeiten. Mach hin!" ins linke Ohr zu schreien, knurrst du den Satz lediglich unhörbar in dich hinein.

Als sich dein Peiniger schließlich nach etwaigen Kindheitstraumen eines Apfels erkundigt und sich tatsächlich Notizen zum Sachverhalt macht, fängt er obendrein noch mit dem Handeln an. "Naja, der ist aber nicht so schön und bei den Kiwis müssen sie mir auch ein bisschen entgegenkommen. Sagen wir 15 Cent?" Und so weiter und so fort. Du bist kurz davor abzuhauen und den längeren Weg zum Supermarkt auf dich zu nehmen, nur um dieser Tortur schließlich doch noch zu entkommen. Doch jeder Albtraum hat ein Ende und nachdem sich der Nerven-Schinder alles hat einzeln einpacken lassen und das organische Material anschließend in seinen zwei Spezialtaschen verstaut hat, überlässt er das Feld seiner Komplizin.

Du merkst sehr schnell, dass Hawking und Einstein mit ihren Theorien über die Krümmung von Raum und Zeit und vielleicht auch dem ganzen anderen Zeug, recht gehabt haben. Du merkst es, wenn du eine hanseatische "High-Society-Mitt-Fünfzigerin" vor dir hast und sich der knappe Meter zum Kassierer unangekündigt in Lichtjahre verwandelt. Ihr BMW-Cabrio hat sie genau so krumm gegen den Verkehr geparkt, dass alle anderen gezwungen sind, "Knight Rider"-mäßige Manöver zu vollführen, um überhaupt daran vorbei zu kommen. Überfahrene Radfahrer und in Todesstarre versetzte Fußgänger nicht mitgerechnet. Einkaufen ist in diesem speziellen Fall "Life-Style" und wird dementsprechend zelebriert. Dazu gehört das zielsichere Falschparken genauso, wie das Furcht einflößende Äußere. An Armen, Fingern, Ohren und Hals baumelt grotesk teurer Goldschmuck und der Obst- und Gemüsegeruch wird dezent von irgendeinem ganz besonders aparten Parfum erdrückt. Während die Klamotten, Pelzkragen und Seidenhalstuch inbegriffen, subtilen hanseatischen Chic verströmen, wird selbst einem Ahnungslosen wie dir schnell klar, dass diverse Körperpartien einer ausufernden Lifting-Orgie unterzogen worden sein müssen. Selbst Dr. Frankenstein wäre bei so viel Geschnitze wohl die Schamesröte ins Gesicht gestiegen.

Was hier zählt, ist Stil, und das zeigt sich sofort im Umgang mit dem Ladenpersonal. Gott bewahre, dass Frau Konsul wie jeder gewöhnliche Sterbliche durch den Laden gehen würde um ihre Sachen auszusuchen. Nein sie stellt sich an die Kasse und schickt in frecher Selbstverständlichkeit die Bedienung kreuz und quer von einer Obstsorte zur nächsten. Nicht etwa um direkt etwas zu kaufen, zunächst werden lediglich die Preise des Bio-Obstes mit denen der aus konventionellem Anbau stammenden Früchte verglichen. Als ob das nicht schon unglaublich genug wäre, macht dir ihre Schusseligkeit einen weiteren Strich durch die Rechnung. "Ach ja, das hab ich noch vergessen.", "da hätten sie aber auch mal dran denken können" und "Ich bin hier zum Einkaufen, nicht auf der Flucht." Stellt sich dir die Frage, wann du denn endlich zum Einkaufen hier bist.

Als eine Art geheimer Höhepunkt beginnt sie nun auch noch von ihren Kurztrips zu berichten. "Solche Orangen haben Sie noch nie gesehen. Wir kennen da einen Bauer in Spanien. Ganz authentisch. Vor allem die Würde mit der die dort unten ihre Armut tragen, ich kann ihnen sagen. Sehr malerisch!" Als ob das arme Schwein, das in diesem Loch für 400 Euro buckeln muss, irgendetwas mit diesem Schicki-Micki-Geseiere anfangen kann. "Und die Feigen, sind die so gut wie letztes mal? Trotzdem, kein Vergleich zu den Frischen, die wir vor kurzem in Israel gegessen haben." - "Ist ja gut! Schön, dass sie so oft in Urlaub fahren können! Ich muss nachher noch arbeiten und will jetzt endlich mit meinem Gemüse kochen." Denkst du, aber schluckst es noch ein letztes Mal runter. In kürzester Zeit haben dich die beiden Despoten mit ihrem Wahnsinn vom stolzen Landsäuger zu einer rückgratlosen Amöbe remutiert. Das ganze Gewarte hat deine Abwehr auf ein Minimum schrumpfen lassen. Nur deine steifen Jeans hält dich noch in der aufrechten Position.

Endlich scheint der ganze Bio-Plunder beisammen, es geht ans Bezahlen. Die voreilige Behauptung, sie hätte es passend, die sich nach ewigen rumsuchen wieder nur als eine weitere Verzögerungstaktik herausstellt, überlebst du gerade noch und denkst: "Zum Glück kann man nicht auch noch mit EC- oder Kreditkarte bezahlen." Victory at last? Gleich sind die Zwiebelnd dein? Wers glaubt. Kurz bevor der letzte Cent seinen Besitzer gewechselt hat, holt das Monster in kühler Berechnung zu ihrem "finishing-Move" aus. "Wenn ich es mir recht überlege, brauche ich natürlich noch." und zu dir gewandt ein bestimmtes: "Es macht ihnen doch nichts aus!"

back