Das Fahrradsturz-Paradoxon

Als Schüler, wenn die großen Ferien gerade fünf Minuten alt sind, wenn man den Klassenraum und die Schule gerade erst verlassen hat, kommt einem der Sommer schier unendlich vor. Sechs Wochen Skateboarden, Konzerte und Partys. Doch wie schnell diese Unendlichkeit dann endlich wird. Während der ersten zwei Tage scheint es noch so, als hätte man die Zeit noch unter Kontrolle und man würde die ganzen sechs Wochen voll mit den Freunden auskosten. Doch schon am dritten Tag beginnt die „Rakete Sommerferien“ unaufhaltsam damit, sich der Umklammerung der Erdanziehungskraft zu entwinden und immer rasanter in Richtung Schulanfang aufzusteigen. Die Tage und Wochen schwirren nur noch so an einem vorbei und man ist nicht in der Lage, diesem verschwenderischen Zeit-Rausch zu entsagen. Immer drohender wird das Schulgebäude am Ende des Fluges sichtbar, bis man schließlich eines Morgens wieder mit Pausenbroten im Rucksack davor steht.

Zeit Existiert nicht wirklich. Sie ist ein Konstrukt. Vom Menschen ersonnen, um seinen Alltag zu organisieren. Doch wie bei vielen unserer Erfindungen können wir auch diese nicht wirklich kontrollieren. Schlimmer noch. Oft macht die Zeit genau das Gegenteil von dem, was wir uns von ihr wünschen. Sie verstreicht entweder zu schnell oder sie verstreicht überhaupt nicht. Und obwohl Zeit mit ihren Sekunden und Minuten eigentlich ein sehr verlässliches Messinstrument sein sollte, kann man sich nur auf eines verlassen: Die Zeit hat fast nie die für uns passende Länge. Warten auf den Bus dauert zu lange, ein nerviger Film scheint nie aufhören zu wollen und die Ampel springt wohl nie auf Grün. Im Gegenzug verstreicht die Zeit bei gutem Sex in Lichtgeschwindigkeit und das einzelne Stückchen Schokolade ist so schnell runtergeschluckt, dass man das Verschwinden der ganzen Tafel nur mit einer Zeitlupen-Kamera aufnehmen kann. Ausnahmen bestätigen die Regel und so gibt es auch vereinzelte Fälle, bei denen die Veränderlichkeit der Zeit uns gut zu Pass kommt. Beispielsweise, wenn man mit dem Rad gegen eine Laterne fährt und sich die Sekunden des Flugs in Minuten verwandeln. Man hat dann noch genug Zeit zu denken, dass das gerade sehr ungeschickt war und das es jetzt gleich ziemlich weh tun wird. Mit etwas Glück kann man diese Zeit aber auch dazu nutzen, eine geschickte Rolle einzuleiten und sich damit ein zertrümmertes Schlüsselbein und einen Schädelbasisbruch ersparen. Auf der anderen Seite steht die häufig als positiv empfundene Zeit-Beschleunigung beim nächtlichen Autofahren. Dann dauert eine Autobahnstrecke, die einen während der Hinfahrt am Tag zu Tode gelangweilt hat, höchstens noch ein Drittel der Zeit.

Das Merkwürdige an der Zeit ist also, dass sie ein universell gültiges System ist, dass von jedem von uns sehr individuell wahrgenommen wird. Nimmt man nochmals das Beispiel Sex, so kann es sein, dass sie auf der einen Seite des Bettes in oben beschriebener Lichtgeschwindigkeit verstreicht, während die andere Seite sich eher in der temporären Vorhölle einer Bushaltesteller oder roten Ampel befindet. Zumindest einer der Beteiligten wird diese individuelle Geschwindigkeit der Zeit bei der anschließenden Frage: „War es für dich auch so schön, wie für mich?“ deutlich gespürt haben. Ganz gleich, ob er dann mit einer Lüge oder mit der Wahrheit antwortet. Und diese spürbaren Geschwindigkeitsunterschiede haben im Menschen seit Anbeginn der Zeit die leise, leise Hoffnung, die Zeit doch irgendwie nach seinem Willen be- oder entschleunigen zu können, geweckt. Die Hoffnung, sich das Fahrradsturz-Paradox bewusst zunutze machen zu können. Dann wäre es endlich möglich unerkannt Banken auszurauben, noch schneller Motorrad zu fahren, nackt durch Kirchen zu laufen und bei Boxkämpfen mit übermenschlicher Geschwindigkeit Schläge zu verteilen – sogar an den Schiedsrichter und das Publikum. Dementsprechend haben Menschen in den vergangenen Jahrtausenden sehr unterschiedliche Ansätze verfolgt, um sich die Zeit zu unterwerfen. Mit Meditation, psychoaktiven Drogen, Hypnose oder dem einfachen Zählen von Sekunden. Funktionieren tut das alles nicht – oder die, die es in diesen Disziplinen zur Meisterschaft gebracht haben, schweigen sich zu ihren Fähigkeiten aus.

Es gibt jedoch zwei Mittel zur Beherrschung der Zeit, die uns allen zu Gebote stehen. Zum einen ist das der Schlaf. Er kann sowohl als Zeitlupe, als auch als Zeitraffer dienen. Während wir uns im Reich der Träume befinden, rast die Zeit buchstäblich an uns vorbei. Entscheiden wir uns aber dafür wachzubleiben, hört der Tag einfach nicht auf. Allerdings wird man nach 96 Stunden verrückt. Dazu, wie sich die Zeit dann auf der geschlossenen Abteilung anfühlt, sollte man vorher vielleicht besser Draculas Gehilfen Renfield oder Hannibal Lecter befragen. Das zweite Mittel zum Beherrschen der Zeit ist ebenfalls verblüffend offensichtlich: die Selbsttötung.

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