Das Wandelwesen

Ich hatte meine erste richtige Begegnung mit dem Tod erst sehr spät. Ich denke es gibt nur wenige Menschen, die am Ende ihrer 20er noch keinen bewussten Kontakt mit den unausweichlichen Folgen unserer biologischen Existenz gemacht haben. Man könnte jetzt sagen, dass ich vom Glück geküsst bin. Dass mir das Privileg zu Teil wurde, einen Teil meiner kindlichen Naivität mit in mein Erwachsenenleben herüber gerettet zu haben. Doch das ist natürlich nur eine Seite der Medaille. Ohne das Sterben zu kennen, kann man das Leben nicht begreifen.

Der Tod ist ein Wandelwesen. Abstrakt in einem Moment und unerträglich konkret im nächsten. Täglich sterben abertausende Väter, Mütter, Kinder, Großeltern und es bedeutet uns nichts. Nicht für die Dauer eines Augenzwinkerns halten wir inne. Und dann der Verlust eines Menschen, den wir kannten. Der uns in Stille taucht, der die Zeit anzuhalten scheint, der einen unlösbaren Widerspruch in unserer Welt hinterlässt. Doch bleibt diese Welt unbeeindruckt und unberührt. Sie dreht sich auch ohne uns und unsere Toten von denen nichts bleibt als die Erinnerung. Und die nehmen wir mit ins Grab.

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